Fährtenleser

„Ich glaube nicht, dass hier Bären frei herumlaufen, Bob. Oder herumlaufen sollten.“ Arpak richtete sich wieder auf und sah Bob ratlos an. „Ich hol mal die Taschenlampe. Hab sie im Auto liegenlassen.“ Bob machte kehrt und Arpak tippte auf das Funkgerät an seiner Schulter. Er meldete sich und es rauschte kurz, bis seine Kollegin ihm … Fährtenleser weiterlesen

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Am kalten Pass

Ja,
nickt sie, heißen Kaffee dampfend vor sich,
In mir schneit es hin und wieder.
Dann verwechsle ich den steilsten Aufstieg
Mit der schönsten Aussicht
Lass den Blick ein wenig schweifen
Höre auf das Lungenrasseln
Bis ich wieder gehe
Steif gefroren und mit tiefgekühltem Fühlen.

No. 6

Fringir hob sein müdes Haupt. Die Welt brach über ihm zusammen. Er wollte nur noch ruhen. Fringir Weltverzehrer öffnete sein Maul, um ein letztes Mal das Leid und Elend und all die Kinder und die Zeit zu zermalmen.
Während um ihn herum die Träume der Menschheit in der Gischt zerspritzten, brüllte Fringir, bis die letzte Säule fiel.
Nach der großen Stille gähnte er, und ein Funken entstieg seinem alten Leib. Entkam dem ewigen Zerfall und entfachte noch im Flug die Neue Welt.

Seelenklang

„In deinem Geschirrspüler hausen die Seelen toter Kinder.“ Selma nickte. Das war nun wirklich nichts Neues für sie.
Henk dagegen kniete vor der Maschine und lauschte. Dabei musste man gar nicht so genau hinhören, das Seufzen und manch unartikulierter Laut drangen doch recht deutlich zwischen den ansonsten völlig normalen Geräuschen des Waschvorgangs hervor. Henk dachte nach.
„Wieso?“, fragte er schließlich.
„Ich habe keine Ahnung. Aber wenn sie sich dort wohlfühlen, dürfen sie sich meinetwegen gerne dort einnisten.“
Henk richtete sich wieder auf.
„Also, ich weiß nicht. Eine Geschirrspülmaschine ist irgendwie nicht der rechte Ort für Kinder. Hör doch mal, wie die jammern.“ Selma zuckte mit den Schultern. Bei den armen Seelen handelte es sich um Spülwasser, das an ihren Edelstahlschüsseln entlangsauste und dabei einen Klang erzeugte, der selbst vor ihrem geistigen Auge recht überzeugende Bilder hervorrief.
Aber das würde sie Henk nicht auf die Nase binden. Er war gut fürs Geschäft, ein ausgezeichneter Multiplikator. Seit sie Henk gegenüber hie und da mal eine beiläufige Bemerkung fallenließ, hatte sich ihre Kundschaft beinahe verdreifacht.
„Kaffee?“ Henk lehnte dankend ab und verließ ihr Atelier. Wenn die Seelen nicht demnächst anderswo einzögen, würde er sie vermutlich nicht mehr so oft besuchen. Selma seufzte mit ihren Freunden im Chor und griff nach dem Telefon. Vielleicht hatte der Klempner eine patente Lösung für sie parat.

Spät im Sommer

Wenn sich die Hitzespitzen an den langen Sommertagen stumpf gerieben haben,
Beginnt wieder die Zeit, in der von den dickgefressenenen Spinnen
Nur noch die Beine in den Netzen hängen,
Weil auch dieses Jahr die Großen Winkelspinnen,
Die jetzt in den Kellerfenstern der Waschküche hausen,
Gewonnen haben.

Im Übrigen offenbart der niedrige Sonnenstand die Blindheit deiner Fenster.
Ach, stimmt ja. War mir im Sommer gar nicht aufgefallen.

Eis und Asche

Als die Eisberge zu glühen begannen, wusste Milberg, dass es Zeit war, sich zurückzuziehen. Hier oben von der Vegabonder Höhe aus sahen sie wie gigantische, von sich heraus rot leuchtende Kristalle aus. Wie Asche ruhte der Schnee auf den Gipfeln. Oder vielleicht war das hier ja auch ein- und dasselbe. Asche. Schnee.

Creepy Monday, Kitty.

Richling musste zugeben, dass die Katze vom Kronberger etwas Unheimliches an sich hatte. Ihre Vorliebe, sich über einem zu postieren, um einem dann kurz, bevor man an ihr vorüberlief, auf die Füße zu springen, hatte schon manchem beinahe einen Herzkasper beschert. Einmal war er die Münchhofsstraße entlanggelaufen und plötzlich war ihm aufgefallen, dass die Kronberger … Creepy Monday, Kitty. weiterlesen

Wetter auf halb acht

Im Sommer damals, also gestern, oder wann das war, züngelte die Hitze um uns herum wie in den italienischen Sommerferien unserer Kindheit, wo sich hinter jeder Zypresse ein ganzes Römisches Reich verbarg. Heute schwemmt uns die Regenzeit eilig in den Herbst hinein. Die Jahreszeiten haben Durchmarsch, scheint’s, was durchaus mal passieren kann, und zwar immer … Wetter auf halb acht weiterlesen

Bildungsreise: Kaffeefahrt mit Aides (IX)

Eduards Blick glitt über das klare Gewässer. Auf dem Grund wehte ein Algenteppich in frischem Grün hin und her. Er hielt seine Fingerspitzen ins Wasser und genoss die samtige Kühle, während er im Oben die Wasserqualität analysierte. Bisschen gammelig. Eduard zog seine Hand zurück und räusperte sich.
“Dieser Flohmarkt, zu dem wir fahren.“ Aides stakste schweigend durch den Fluss.
„Komischer Name, oder? Gibt es da wirklich Gefühle zu kaufen?“